Mittwoch, 21. Juli 2004
Durch die Haare miteinander "reden"
figaro, 23:58h
Die Frisur ist nicht nur Ausdruck der Persönlichkeit, sondern auch Mittel der zwischenmenschlichen Kommunikation. Das glauben Forscher wie der Frankfurter Soziologe Tilman Allert oder der Nürnberger Psychologieprofessor Reinhold Bergler. Sie analysieren nicht nur, was Menschen auf dem Kopf tragen und was sie damit sagen wollen. Es geht auch darum, was andere daraus ablesen.
Die Küchenpsychologie kennt altbekannte Thesen wie volles Haar bei Männern verheiße Potenz, und eine Glatze stehe für Offenheit. Eine Frau mit kurzen Haaren soll selbstbewusst sein, und ein Mittelscheitel signalisiere ein geradliniges Wesen. "Haare, die ins Gesicht hängen", psychologisieren die Autoren der Internet-Seite hair.web: "Sie lassen sich nicht gern in die Karten schauen."
Von solcher "Haar-Mythologie" hält der Psychologe Bergler wenig.."Das ist reine Kaffeesatzleserei und hat mit dem objektiven Charakter nichts zu tun", sagt der Leiter des Instituts der Stiftung für empirische Sozialforschung. Dennoch hält er die Frisur für einen der wichtigsten Schlüsselreize beim Zustandekommen des ersten Eindrucks: Das Haar ist für ihn einer der zentralen Auslöser von Sympathie und Antipathie.
Intelligenz am Kopf ablesen
Eigenschaften wie Gepflegtheit oder Modebewusstsein könne man unter Umständen tatsächlich an der Frisur ablesen, gesteht der Autor des Buches "Die Psychologie des ersten Eindrucks - Die Sprache der Haare" zu. Viele Menschen aber gingen beim Haar-Lesen eindeutig viel zu weit. Besonders Männer gaben in seinen Umfragen an, sie könnten sogar Intelligenz oder die Lebenseinstellung am Kopf ablesen. "Solche Laienpsychologie mag naiv sein, aber sie bestimmt nun mal unser Verhalten", sagt der Psychologe.
Die Frage, welchen Eindruck mein Haar auf andere macht, ist nur eine Perspektive. Die andere Sichtweise erforscht, was jemand mit seinem Haar ausdrücken will. Der Frankfurter Soziologieprofessor Allert sieht die Frisur als "herausragendes Medium zur demonstrativen Artikulation". Die Frisur habe die Fähigkeit, "das Identitätsprojekt einer Person zu adeln: Die Gelegenheit zu zeigen, wer man ist, ergreift man beim Schopfe."
Darstellen kann die Frisur Allert zufolge nicht, wie jemand wirklich ist, sondern nur, wie er gern gesehen werden will. "Mit einer schrillen Frisur möchten die Leute sich darstellen als risikofreudig und originell oder dergleichen." Aber der Test, ob das wirklich so ist, findet nicht auf dem Kopf, sondern im Gespräch statt. "Da können Sie eine super Punkfrisur haben - wenn dann ein öder Spruch kommt, ist das nur eine peinliche Mütze, die man aufhat."
Dabei gibt es kaum noch einen schicht- oder berufstypischen Zwang wie den ordentlichen Scheitel für den Bankangestellten oder den strengen Dutt für die Sekretärin. "Der Konformitätsdruck nimmt ab", sagt Allert. Die Frisuren von heute legen Wert auf "inszenierte Einzigartigkeit".
Dennoch signalisiert das Haar die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, glaubt Friseurin Elisabeth Zumkier aus Limburg. Für die Fachbeiratsleiterin der hessischen Friseurinnung ist die Frisur nach wie vor stark abhängig von der gesellschaftlichen Schicht. "Die Menschen tragen ihr Haar bewusst oder unbewusst so, wie ihr soziales Umfeld das möchte. Man will schließlich dazu gehören." So hätten betuchte betagte Damen meist einen blonden Pagenkopf.
Wer sich die lange Mähne zum Rattenkopf scheren lässt oder natürliches Blond rot überfärbt, der hat meist einen gravierenden Einschnitt in seinem Leben hinter sich, hat die Friseurin beobachtet. "Aber der Stil wird dennoch gleich bleiben", sagt sie. Wer also die Haare früher lang und ordentlich trug, trägt sie hinterher vielleicht kurz - aber dennoch ordentlich. Stilbildend sind dabei häufig die Medien. Die Jüngeren suchen sich ihre Frisur-Vorbilder bei "Viva", die älteren bei den Nachrichtensprechern.
Die Diskussion um das islamische Kopftuch ist für den Frankfurter Soziologen Allert übrigens ein Beweis für die Macht des Haars: "Kaum etwas macht das Haar als Medium der Selbstdefinition so deutlich wie seine beabsichtigte Camouflage."
(Quelle: www.krone.at)
Die Küchenpsychologie kennt altbekannte Thesen wie volles Haar bei Männern verheiße Potenz, und eine Glatze stehe für Offenheit. Eine Frau mit kurzen Haaren soll selbstbewusst sein, und ein Mittelscheitel signalisiere ein geradliniges Wesen. "Haare, die ins Gesicht hängen", psychologisieren die Autoren der Internet-Seite hair.web: "Sie lassen sich nicht gern in die Karten schauen."
Von solcher "Haar-Mythologie" hält der Psychologe Bergler wenig.."Das ist reine Kaffeesatzleserei und hat mit dem objektiven Charakter nichts zu tun", sagt der Leiter des Instituts der Stiftung für empirische Sozialforschung. Dennoch hält er die Frisur für einen der wichtigsten Schlüsselreize beim Zustandekommen des ersten Eindrucks: Das Haar ist für ihn einer der zentralen Auslöser von Sympathie und Antipathie.
Intelligenz am Kopf ablesen
Eigenschaften wie Gepflegtheit oder Modebewusstsein könne man unter Umständen tatsächlich an der Frisur ablesen, gesteht der Autor des Buches "Die Psychologie des ersten Eindrucks - Die Sprache der Haare" zu. Viele Menschen aber gingen beim Haar-Lesen eindeutig viel zu weit. Besonders Männer gaben in seinen Umfragen an, sie könnten sogar Intelligenz oder die Lebenseinstellung am Kopf ablesen. "Solche Laienpsychologie mag naiv sein, aber sie bestimmt nun mal unser Verhalten", sagt der Psychologe.
Die Frage, welchen Eindruck mein Haar auf andere macht, ist nur eine Perspektive. Die andere Sichtweise erforscht, was jemand mit seinem Haar ausdrücken will. Der Frankfurter Soziologieprofessor Allert sieht die Frisur als "herausragendes Medium zur demonstrativen Artikulation". Die Frisur habe die Fähigkeit, "das Identitätsprojekt einer Person zu adeln: Die Gelegenheit zu zeigen, wer man ist, ergreift man beim Schopfe."
Darstellen kann die Frisur Allert zufolge nicht, wie jemand wirklich ist, sondern nur, wie er gern gesehen werden will. "Mit einer schrillen Frisur möchten die Leute sich darstellen als risikofreudig und originell oder dergleichen." Aber der Test, ob das wirklich so ist, findet nicht auf dem Kopf, sondern im Gespräch statt. "Da können Sie eine super Punkfrisur haben - wenn dann ein öder Spruch kommt, ist das nur eine peinliche Mütze, die man aufhat."
Dabei gibt es kaum noch einen schicht- oder berufstypischen Zwang wie den ordentlichen Scheitel für den Bankangestellten oder den strengen Dutt für die Sekretärin. "Der Konformitätsdruck nimmt ab", sagt Allert. Die Frisuren von heute legen Wert auf "inszenierte Einzigartigkeit".
Dennoch signalisiert das Haar die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, glaubt Friseurin Elisabeth Zumkier aus Limburg. Für die Fachbeiratsleiterin der hessischen Friseurinnung ist die Frisur nach wie vor stark abhängig von der gesellschaftlichen Schicht. "Die Menschen tragen ihr Haar bewusst oder unbewusst so, wie ihr soziales Umfeld das möchte. Man will schließlich dazu gehören." So hätten betuchte betagte Damen meist einen blonden Pagenkopf.
Wer sich die lange Mähne zum Rattenkopf scheren lässt oder natürliches Blond rot überfärbt, der hat meist einen gravierenden Einschnitt in seinem Leben hinter sich, hat die Friseurin beobachtet. "Aber der Stil wird dennoch gleich bleiben", sagt sie. Wer also die Haare früher lang und ordentlich trug, trägt sie hinterher vielleicht kurz - aber dennoch ordentlich. Stilbildend sind dabei häufig die Medien. Die Jüngeren suchen sich ihre Frisur-Vorbilder bei "Viva", die älteren bei den Nachrichtensprechern.
Die Diskussion um das islamische Kopftuch ist für den Frankfurter Soziologen Allert übrigens ein Beweis für die Macht des Haars: "Kaum etwas macht das Haar als Medium der Selbstdefinition so deutlich wie seine beabsichtigte Camouflage."
(Quelle: www.krone.at)
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