Der Friseurladen

Ein Projekt der Optischen Anstalten
Mittwoch, 27. April 2005
"Haareschneiden allein reicht nicht mehr aus"
"Haareschneiden allein reicht nicht mehr aus"
Mit neuen und originellen Geschäftsideen rund um Wellness und Lifestyle suchen Berliner Friseure Wege aus der Krise

von Heike Jänz

Ein Mensch mit 40 Lagen Alufolie im Haar ist am Mittagstisch im "Hackenschuß" nichts Ungewöhnliches. Umgeben von Pullis, Schmuck und selbstgemachtem Geschirr kann ein Frisierter hier die Farbe in seine Strähnchen einwirken lassen. Dabei ißt er das Tagesgericht von Liesbeth und sucht dann ein Geschenk aus. Zum Auswaschen geht er zurück in den "Ponyclub" nebenan.

Liesbeth ist die Geschäftsführerin vom "Hackenschuß" an der Kopernikusstraße 13 in Friedrichshain. Besitzer der Boutique mit Mittagstisch ist Tim Kreutzfeldt. Ihm gehört auch der Friseursalon "Ponyclub". Seine Kunden gehen häufig vor oder nach dem Schneiden noch in den "Hackenschuß". Dort kaufen sie T-Shirts, essen Kuchen oder stöbern zwischen Secondhand-Schallplatten.

Um seinen Laden in Gang zu halten, hat er eine Geschäftsführerin für die Boutique angestellt. "Ich verdiene gar nicht so viel damit, aber für meine Kunden ist es ein toller Service", so Kreutzfeldt.

Haareschneiden allein reicht nicht mehr - Berliner Friseure stecken in der Krise. In der Hauptstadt waren Ende vergangenen Jahres 2169 Friseure gemeldet. Neu hatten sich 2004 laut Handwerkskammer 300 Geschäfte eintragen lassen. Mitunter konzentrieren sich bis zu 20 Haarstilisten auf wenige Straßen und machen einander das Leben schwer.

Wer sich nicht von seiner Konkurrenz abhebt, hat keine Chance. 233 Berliner Friseure mußten 2004 ihren Laden aufgeben. Rund ein Fünftel aller Haarschneider kapituliert schon nach zwei bis drei Jahren. Grund ist neben der hohen Anzahl der Friseure vor allem der "Cut and Go-Trend". "Wer Billig-Friseure in seiner Nachbarschaft hat, muß schwer kämpfen", meint Kai-Uwe Dalishow, Vorstandsmitglied der Friseur-Innung Berlin. "Hohe Preise lassen sich nur dann rechtfertigen, wenn der Kunde beste Qualität und Extra-Angebote bekommt."

Wellness und Lifestyle zur Kundenbindung. "Man muß sich etwas einfallen lassen, damit die Leute von einem reden", sagt Jutta Scholz. Sie leitet seit 21 Jahren den Salon "Tonestrina" an der Uhlandstraße 88 in Wilmersdorf. Ihr neuestes Motto: Netzwerke bilden. So zum Beispiel mit der Weinhandlung "Vin d`Oc". Gemeinsam mit dem Händler Jean-Gil Bonne veranstaltet sie für ihre Stammkunden regelmäßig Weinproben.

Auch Promi-Friseurin Kirstin Ellen Vietze setzt nicht nur auf einen gestylten Kopf. In ihrem Salon in der Friedrichstraße 82 gibt es neben Kunstausstellungen, Ganzkörpermassage und Stilberatung und auch eine Bar. Im "Schampoos" fließen neben Champagner auch Rot- und Weißwein, ebenso stehen Früchtecocktails und Bellini auf der Karte. Stars lieben das: Bei Kirstin Vietze ließ sich Bruce Willis schon massieren, Alain Delon schminken und Robbie Williams frisieren.

Viel einfacher, aber nach demselben Prinzip verfährt Ünal Özcan. Der Friseurmeister leitet mit seinem Bruder drei "Cutman"-Filialen. Sie gehören zu den Billiganbietern - ein Schnitt kostet hier zehn Euro. Doch an der Arndtstraße 3 in Steglitz haben die beiden nun einen Teil des Ladens untervermietet. "Nur billig die Haare zu schneiden reicht nicht mehr, wir verkaufen jetzt zusätzlich Snacks", sagt Özcan.

Artikel erschienen am Di, 15. Februar 2005
Quelle: www.welt.de

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