Donnerstag, 2. Juni 2005
Neue Friseurwelle in der Stadt
figaro, 20:12h
Trend. Immer mehr Betriebe siedeln sich in Hamburg an. Sie pfeifen auf Traditionen, bieten unkonventionelle Konzepte.
Sie tragen witzige Namen, locken mit ungewöhnlichen Konzepten und scheuen keine Konkurrenz: Die Zahl der neu eröffneten Friseurgeschäfte in Hamburg scheint täglich zu steigen. "In jeder zweiten Bonbonbude macht sich ein Geselle selbständig", bestätigt die Vereinigte Innungsgeschäftsstelle in Hamburg das Phänomen. "Es gibt immer weniger Übernahmen alter Betriebe, dafür mehr Neueröffnungen", erklärt Friseurmeister Axel Krogmann (45), Lehrlingswart der Innung. Ein Grund: "Die Jungen wollen ihr eigenes Konzept durchsetzen."
Statt des gediegenen "Salon" signalisieren immer häufiger Wortspiele wie "Abschnitt", "Hairport", "Lock and Roll" oder "Haargenau": Stopp. Hier weht der Zeitgeist. Besonders Trend-Stadtteile, wie St. Pauli, Ottensen oder das Schanzenviertel und Quartiere, in denen so genannte Besserverdienende wohnen, sind beliebt: Winterhude, Eimsbüttel oder Eppendorf mit ihren vielen Singles, den restaurierten Altbauten und Eigentumswohnungen. "Die Friseure ziehen aus den Randgebieten weg und der Kaufkraft hinterher", weiß die Innungsgeschäftsstelle.
Zum Beispiel ins Uni-Viertel Rotherbaum: Zehn Haarkünstler sind im Umkreis von knapp fünf Minuten Weg zu Fuß zu erreichen. Die letzten drei haben innerhalb der vergangenen zehn Monate eröffnet - alle drei im Abstand von kaum 50 Metern. "Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich einen anderen Standort gesucht", gibt Friseurmeisterin Cimen Akca von "Super Kamm" zu. Sie hatte ihr Geschäft in Barmbek verkauft: "Ich wollte in einen besseren Stadtteil." Der kleine Laden, in dem zuvor ein iranischer Teppichhändler firmierte, gefiel ihr. Ihr Konzept: keine Anmeldung und niedrige Preise. Der Kampf um die Kunden ist dennoch hart: "Geben Sie mir ein Jahr, und ich hole sie alle", sagt Gesellin Ella Pliszka (23) kämpferisch und lacht. Es scheint sich rumzusprechen: Ein Vater mit seinem acht Jahre alten Sohn Robert stürmt in den Laden: "Geht es jetzt gleich? Beide?" Er kommt aus Eppendorf und bekam den Tipp von Freunden.
Zwei Jahre hatten die ehemaligen Räume der Galerie art + book an der Grindelallee leer gestanden. Dann kam im September "Gute Köpfe" mit einem schrägen Konzept: "super Schnitte, ganz andere Friseure". Unten gibts Kaffee, Bagels und eine Nummer für die Warteschlange aus dem Automaten, eine Treppe höher dröhnt Musik aus den Boxen, Haare werden geschnitten, gestylt, mit Farbe besprüht und auf schrill getrimmt. "Unsere Zielgruppe ist im Schnitt 24 Jahre alt und hat sich scharfe Köpfe oft von befreundeten Kollegen zu Hause machen lassen", erklärt Betriebsleiterin Jennifer Adler (24). Das war genau genommen Schwarzarbeit. "Diese Klientel holen wir jetzt hierher", sagt Jennifer. Zwölf Euro kostet der Schnitt, in der Fön-Ecke kann der Kunde händeweise Gel verbrauchen - alles inklusive. Das Konzept klappt, zumindest auf St. Pauli, wo "Gute Köpfe" seinen ersten Laden hat. "Völlig neues Konzept und sehr mutig, die Lage ist nicht billig", sagt Krogmann.
1200 Friseurbetriebe sind in der Hamburger Handwerksrolle eingetragen, vor zehn Jahren waren es rund 900. 30 haben in diesem Jahr geschlossen. Die Umsätze sind laut Innung in den vergangenen zwei Jahren um bis zu 30 Prozent zurückgegangen. Die alteingesessenen Meister sehen die Entwicklung mit gemischten Gefühlen: "Neueröffnungen werden durch auf zwei Jahre befristete Ausnahmebewilligungen für Gesellen, die noch keinen Meister haben, sehr gefördert und selten kontrolliert", erklärt Innungsobermeister Gerd Paulsen (60). Die Bedingungen für die Bewilligung wurden im vergangenen Jahr gelockert, rund 100 wurden in diesem Jahr verteilt. eli
Quelle: Hamburger Abendblatt
Sie tragen witzige Namen, locken mit ungewöhnlichen Konzepten und scheuen keine Konkurrenz: Die Zahl der neu eröffneten Friseurgeschäfte in Hamburg scheint täglich zu steigen. "In jeder zweiten Bonbonbude macht sich ein Geselle selbständig", bestätigt die Vereinigte Innungsgeschäftsstelle in Hamburg das Phänomen. "Es gibt immer weniger Übernahmen alter Betriebe, dafür mehr Neueröffnungen", erklärt Friseurmeister Axel Krogmann (45), Lehrlingswart der Innung. Ein Grund: "Die Jungen wollen ihr eigenes Konzept durchsetzen."
Statt des gediegenen "Salon" signalisieren immer häufiger Wortspiele wie "Abschnitt", "Hairport", "Lock and Roll" oder "Haargenau": Stopp. Hier weht der Zeitgeist. Besonders Trend-Stadtteile, wie St. Pauli, Ottensen oder das Schanzenviertel und Quartiere, in denen so genannte Besserverdienende wohnen, sind beliebt: Winterhude, Eimsbüttel oder Eppendorf mit ihren vielen Singles, den restaurierten Altbauten und Eigentumswohnungen. "Die Friseure ziehen aus den Randgebieten weg und der Kaufkraft hinterher", weiß die Innungsgeschäftsstelle.
Zum Beispiel ins Uni-Viertel Rotherbaum: Zehn Haarkünstler sind im Umkreis von knapp fünf Minuten Weg zu Fuß zu erreichen. Die letzten drei haben innerhalb der vergangenen zehn Monate eröffnet - alle drei im Abstand von kaum 50 Metern. "Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich einen anderen Standort gesucht", gibt Friseurmeisterin Cimen Akca von "Super Kamm" zu. Sie hatte ihr Geschäft in Barmbek verkauft: "Ich wollte in einen besseren Stadtteil." Der kleine Laden, in dem zuvor ein iranischer Teppichhändler firmierte, gefiel ihr. Ihr Konzept: keine Anmeldung und niedrige Preise. Der Kampf um die Kunden ist dennoch hart: "Geben Sie mir ein Jahr, und ich hole sie alle", sagt Gesellin Ella Pliszka (23) kämpferisch und lacht. Es scheint sich rumzusprechen: Ein Vater mit seinem acht Jahre alten Sohn Robert stürmt in den Laden: "Geht es jetzt gleich? Beide?" Er kommt aus Eppendorf und bekam den Tipp von Freunden.
Zwei Jahre hatten die ehemaligen Räume der Galerie art + book an der Grindelallee leer gestanden. Dann kam im September "Gute Köpfe" mit einem schrägen Konzept: "super Schnitte, ganz andere Friseure". Unten gibts Kaffee, Bagels und eine Nummer für die Warteschlange aus dem Automaten, eine Treppe höher dröhnt Musik aus den Boxen, Haare werden geschnitten, gestylt, mit Farbe besprüht und auf schrill getrimmt. "Unsere Zielgruppe ist im Schnitt 24 Jahre alt und hat sich scharfe Köpfe oft von befreundeten Kollegen zu Hause machen lassen", erklärt Betriebsleiterin Jennifer Adler (24). Das war genau genommen Schwarzarbeit. "Diese Klientel holen wir jetzt hierher", sagt Jennifer. Zwölf Euro kostet der Schnitt, in der Fön-Ecke kann der Kunde händeweise Gel verbrauchen - alles inklusive. Das Konzept klappt, zumindest auf St. Pauli, wo "Gute Köpfe" seinen ersten Laden hat. "Völlig neues Konzept und sehr mutig, die Lage ist nicht billig", sagt Krogmann.
1200 Friseurbetriebe sind in der Hamburger Handwerksrolle eingetragen, vor zehn Jahren waren es rund 900. 30 haben in diesem Jahr geschlossen. Die Umsätze sind laut Innung in den vergangenen zwei Jahren um bis zu 30 Prozent zurückgegangen. Die alteingesessenen Meister sehen die Entwicklung mit gemischten Gefühlen: "Neueröffnungen werden durch auf zwei Jahre befristete Ausnahmebewilligungen für Gesellen, die noch keinen Meister haben, sehr gefördert und selten kontrolliert", erklärt Innungsobermeister Gerd Paulsen (60). Die Bedingungen für die Bewilligung wurden im vergangenen Jahr gelockert, rund 100 wurden in diesem Jahr verteilt. eli
Quelle: Hamburger Abendblatt
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